Literaturnachmittag

Literaturnachmittag
Fr. 19.01.2018, 14.00 bis 16.00 Uhr
Kirchgemeindehaus
Thema des 19. Januar
Unsere Seelen bei Nacht Kent Haruf
In einem Interview erzählt Regina Kempf, die zwanzig Jahre lang eines der bekanntesten Gesichter im Schweizer Fernsehen war, davon, dass sie in ihrem Leben noch vieles anpacken wolle. Zum Beispiel nach Polynesien reisen, oder als international anerkannte Lehrerin für die Feldenkrais-Methode in den USA Weiterbildungskurse besuchen. Fröhlich und positiv wirkt sie, die heute 74-Jährige.
Ortswechsel von Zürich nach Holt, eine Kleinstadt in Colorado.
Da lebt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, die sich zu jung und Unternehmungslustig fühlt um ihr Leben allein und zurückgezogen verbringen zu wollen. Da hat sie eines Tages die Idee, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt, zu klingeln. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Im Dunkel der Nacht wächst ihr gegenseitiges Vertrauen und beide blühen auf.
Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst. Bald schon wird Louis von seinen langjährigen Kollegen auf anzügliche Weise auf nächtliche Sexabenteuer angesprochen. Er merkt, dass es sich nicht lohnt ihnen zu erklären, dass es in seiner Beziehung nicht um Sex gehe, sondern darum, die Trauer des Alleinseins und die Einsamkeit zu überwinden, die der Tod des Lebenspartners, der Lebenspartnerin, hinterlässt.
Die Reaktionen der Nachbarn können Addie und Louis verkraften. Als dann aber die eigenen erwachsenen Kinder beginnen, die Mutter harsch zu kritisieren und ihr vorwerfen, ihre Familie in Verruf zu bringen, da knickt sie ein.

Hat man als älterer Mensch das Recht, sich noch einmal zu verlieben, das Leben noch einmal neu zu spüren, und dies in einer Form, die zum eigenen Leben passt? Oder muss man sich an kollektive Meinungen und Vorstellungen der Mitmenschen anpassen? Haben die eigenen Kinder das Recht, das zaghaft neue Glück abzulehnen? Und was steckt hinter dieser Ablehnung? Vielleicht ist es für sie eine Herausforderung, das eingefahrene Bild der Mutter, des Vaters verändern zu müssen. Die Mutter soll ihre eigene bleiben und stets zuallererst ihr Wohl – das Wohl der Kinder – im Auge behalten. Da hat kein anderer Platz, der dieses Bild zu zerstören droht.
Und wie steht es mit der Moral? Ist es schicklich, als ältere Frau, älterer Mann, sich Hand in Hand und zärtlich verliebt in der Öffentlichkeit zu zeigen? Haben ältere Menschen nach dem Tod ihrer Partner überhaupt noch das Recht, sich zu verlieben, oder auch nur sich wieder auf einen neuen Partner einzulassen? Und wie sehr lassen die Betroffenen es zu, dass ihre Kinder über ihr ganz eigenes Schicksal entscheiden wollen?

Am Literaturnachmittag vom 19. Januar 2018 werden wir uns genau solche Fragen stellen. Wir werden versuchen, uns der kindlichen Bilder über die eigenen Eltern bewusst zu werden, uns erinnern, wann wir unsere Väter und Mütter als peinlich erlebt haben. Und wir werden unkonventionelle Lebensentwürfe sammeln, zur Anregung und als Seelennahrung für ein zukunftsgerichtetes Leben, das erst mit dem letzten Atemzug beendet ist – für ein selbstbestimmtes Leben.







Kontakt: Marianne Panacek
044 720 78 10
Autor: Patrick Zeller Boha
aktualisiert mit kirchenweb.ch